Kategorie Innovation & Technologie - 25. Oktober 2016

Digitale Detektive jagen Fahrscheinfälscher

Beim Schülerausweis aus Papier war es einst noch ein Bagatelldelikt. Die Daten ließen sich leicht verändern und schon spazierte ein 15-Jähriger am Wochenende als Volljähriger in die Disco. Mittlerweile gibt es die Ausweise auf Plastik im Scheckkartenformat. Doch in der organisierten Kriminalität sind gefälschte Dokumente bis heute ein eigenes Geschäftsmodell. Denn noch nicht alles funktioniert digital. Mit nachgemachten Fahrkarten oder Konzerttickets lassen sich hohe Gewinne erzielen. Dazu stehlen Diebe Originalpapier aus Automaten oder Lagern und bedrucken es selbst mit einem Thermodrucker. Die Sicherheitsmerkmale sind bereits enthalten, dadurch ist die Kopie täuschend echt.

„Speziell bei Monats- oder Jahreskarten entsteht so schnell großer Schaden. Eine einzige gestohlene Rolle eines Verkehrsunternehmens kann einen Gegenwert von 10.000 Euro darstellen“, sagt Stefan Köstler vom Institut für Oberflächentechnologien und Photonik der Forschungsgesellschaft Joanneum Research. Am Standort Weiz rücken die Wissenschaftler den Fälschern mit Methoden zu Leibe, die sonst für chemische und biochemische Sensoren in Industrie oder Medizin eingesetzt werden. Die sogenannte Fluoreszenzmessung soll schon bald als Werkzeug im Kampf gegen die Kriminalität wirken.

Partikel zum Leuchten bringen

Dabei wirken optische Detektoren (siehe Lexikon) als Detektive, die Fälschungen einfach und sicher erkennen. Sie identifizieren unter Infrarotlicht Sicherheitsmerkmale, die mit freiem Auge nicht erkennbar sind. Diese sollen künftig erst beim Ticketkauf aufgebracht werden – und zwar auf ein unverwechselbares, im Papier eingearbeitetes Muster aus winzigen Partikeln. Die Teilchen sind stochastisch, also zufällig verteilt und lassen sich daher nicht einfach kopieren. Woraus sie bestehen, darf Köstler nicht verraten, schließlich will man den Vorsprung gegenüber der organisierten Kriminalität wahren.

Geprüft wird künftig doppelt: einerseits im Automaten, wo Detektoren die Produktion überwachen – diese Entwicklung ist ein Verdienst der Projektpartner, der Forscher des Fraunhofer Instituts für Physikalische Messtechnik im deutschen Freiburg. Andererseits sitzen Detektoren auch in einem tragbaren Gerät, das der Kontrollor bei sich hat. Die spezielle, in Weiz entwickelte Optik erkennt die Partikel zweifelsfrei. Die Auslesegeräte müssen gute Qualität liefern, damit das Bildverarbeitungsprogramm die Informationen verarbeiten kann. Es errechnet aus den Lageinformationen der Teilchen den dahinter verborgenen Code.

Zu aufwendig für Diebstahl

Die Forscher haben, gefördert vom Technologieministerium, im Projekt Securestamp zwei Jahre lang an der ausgeklügelten Detektionstechnik gearbeitet. Nun hoffen sie gemeinsam mit den beteiligten Verkehrsbetrieben und Automatenherstellern, dass das neue System Papierdiebstähle unattraktiver macht. Zwar lasse sich wohl jedes Sicherheitssystem mit entsprechend hohem Aufwand umgehen; der sei in diesem Fall allerdings besonders hoch, sagt Köstler.

Erste Modelle gibt es bereits, noch ist die Technologie aber in der Testphase. In ein bis zwei Jahren könnte sie in der Praxis ankommen, meint der Forscher. Für den realen Einsatz sind aber noch die Kosten zu klären; das System lässt sich jedenfalls in bestehende Ticketautomaten integrieren. Am Dienstag wurde es bereits auf der Jahrestagung des Sicherheitsforschungsprogramms Kiras als ein Höhepunkt präsentiert.

Auch für Ski- und Eventtickets

Bewährt sich das neue Sicherheitssystem, ließe es sich überall nutzen, wo noch Papiertickets auf dem Markt sind: etwa für Skipässe, Konzert- oder Festivaltickets. Bei Letzteren schaden Fälschungen gleich mehrfach: Neben dem finanziellen Verlust für den Veranstalter sorgen sie für ein Durcheinander, wenn Plätze – scheinbar – doppelt vergeben sind. Werden zu viele Menschen eingelassen, entspricht eine Sport- oder Kulturveranstaltung außerdem mitunter nicht mehr den feuerpolizeilichen Auflagen. (Von Alice Grancy, Die Presse)

LEXIKON: Ein Detektor oder – synonym – ein Sensor ist ein Bauteil, das bestimmte physikalische oder chemische Eigenschaften erfassen kann. Die gemessenen Größen werden in ein elektrisches Signal umgewandelt. In der Forschungsgruppe „Sensoren und funktionales Drucken“ entwickeln Wissenschaftler der Joanneum Research Messsysteme für die chemische und die Lebensmittelindustrie, für Umweltüberwachung, Hygiene, Human- und Veterinärmedizin sowie für die Energie- und Sicherheitstechnik.

IN ZAHLEN: 10.000 Euro kann der Gegenwert und damit der Schaden sein, wenn Diebe eine Papierrolle aus einem Fahrkartenautomaten stehlen, neu bedrucken und am Schwarzmarkt verkaufen. Bis 10 Mikrometer, also wenige Tausendstel Millimeter groß sind die Partikel, die künftig ins Fahrkartenpapier integriert werden könnten. Beim Ticketkauf wird außerdem ein Sicherheitscode aufgedruckt. Ein spezieller Detektor erkennt die Sicherheitsmerkmale unter Infrarotlicht.