Kategorie Innovation & Technologie - 15. September 2020

Digitaler Spritzguss: Ruth Markut-Kohl ist FEMtech-Expertin des Monats

Ruth Markut-Kohl ist unsere FEMtech-Expertin des Monats September. Die gebürtige Oberösterreicherin ist Entwicklungsingenieurin bei der ENGEL AUSTRIA GmbH und arbeitet an Verfahren zur vereinfachten Erzeugung von Kunststoffformteilen, um über die Digitalisierung der Produktion den Lebenszyklus von Kunststoffprodukten effizienter zu gestalten.

Industrie 4.0 beschreibt die fortschreitende Digitalisierung der Produktion, die für viele Unternehmen Effizienzsteigerung, digitale Assistenzsysteme, erhöhte Qualität, aber auch ein wichtiges Signal pro Klimaverträglichkeit und Ressourcenschonung bedeutet. Ruth Markut-Kohl entwickelt vor diesem Hintergrund mit ihren KollegInnen digitale Tools, um das Spritzgießverfahren effizienter zu gestalten. Bei diesem Verfahren können direkt verwendbare Fertigungsteile aus einem Kunststoff-Granulat über Matrizen-Werkzeuge in großen Massen Mengen und mit großer Präzision hergestellt werden.

„Die von meinem Projekt-Team und mir entwickelten Tools sind Softwareprogramme, die sowohl an der Steuerung der Spritzgießmaschine als auch im Web zum Einsatz kommen und das Spritzgießverfahren optimieren. Wir verwenden dafür die Daten der gesamten Wertschöpfungskette – also von der Produkt-Idee bis zum Recycling, um die Qualität des Kunststoffprodukts zu verbessern, die Entwicklung und Produktion effizienter zu gestalten und eine passende Wiederverwendung oder Recycling zu ermöglichen.“ Mit Hilfe von Daten aus Simulationen und den vorgelagerten Schritten des Wertschöpfungsprozesses soll die Konfiguration des Spritzgießprozesses auch über Apps vereinfacht und durch die Vernetzung von Softwareanwendung und Maschine durch vorab generierte Settings optimal genutzt werden. Wichtig sei es dabei, dass die richtigen Daten in der richtigen Form an der richtigen Stelle angezeigt würden, um Nutzenden zu ermöglichen, situationsbezogen einfacher, besser und schneller eine Entscheidung zum Produktionsprozess zu treffen.

INFObox: FEMtech ist eine Initiative des Förderprogramms Talente des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (BMK), welches seit 2005 Auszeichnungen vornimmt, um die Leistungen von Frauen im Forschungs- und Technologiebereich besser sichtbar zu machen.

Markut-Kohl ist diplomierte Chemikerin, die darüber hinaus im Bereich Maschinenbau – Werkstoffwissenschaft an der TU Wien promoviert wurde. „Meine KollegInnen haben Ausbildungen in den Bereichen Physik, Maschinenbau, Mechatronik, Kunststofftechnik, Informatik: Das Thema Prozesstechnologie und digitales Spritzgießen ist ein absolutes Querschnittsthema. Das macht es für mich so spannend, kreativ und innovativ.“ In ihrer aktuellen Tätigkeit bei ENGEL beschäftigt sie sich auch mit der Verarbeitung von polymeren Werkstoffen im Spritzguss, insbesondere mit dem Fördern und Aufschmelzen des Kunststoff-Granulats in der Plastifizierschnecke sowie dem Einspritzen und kontrollierten Abkühlen des Formteils im Werkzeug. „Was mich daran fasziniert, ist das komplexe Zusammenspiel aus der Mechanik der Maschinen, wobei ENGEL solche von der Größe eines Esstisches bis zu Maschinen, groß wie ein zweistöckiges Haus, im Portfolio hat, und dem Kunststoff.“

 

„Aktuell arbeite ich daran mit Hilfe von Daten aus Simulationen und den vorgelagerten Schritten des Wertschöpfungsprozesses, die Einstellung des Spritzgießprozesses und der Maschine zu vereinfachen. Dazu erarbeiten meine KollegInnen und ich Vorgehensweisen, die den NutzerInnen eine bequeme Einstellung des Prozesses über Apps ermöglichen werden. Durch Vernetzung mit der Spritzgießmaschine können die vorab generierten Settings, schon beim ersten Anfahren eines Werkzeugs an der Maschine genutzt werden.“

Im Betrieb hat Markut-Kohl eine Technikerinnen-Plattform gegründet, um Frauen mit technischer Ausbildung und/oder im technischen Arbeitsumfeld einen Austausch in der Männerdomäne Maschinenbau zu ermöglichen. „Unser Wunsch war es, aktuelle Arbeitsthemen aus einem weiblichen Blickwinkel zu diskutieren und zugleich auch die Möglichkeit zu schaffen, von weiblichen Vorbildern zu lernen.“

Das FEMtech Interview mit Ruth Markut-Kohl finden Sie dieses Mal hier:

»Was steht auf Ihrer Visitenkarte?
DIin Dr.in Ruth Markut-Kohl
Entwicklung Digitales Spritzgießen
Development Digital Injection Molding
ENGEL AUSTRIA GmbH, Ludwig-Engel-Straße 1, 4311 Schwertberg

Wieso haben Sie sich schlussendlich für die außeruniversitäre Forschung entschieden?
Weil in der industriellen Forschung und Entwicklung einfacher die Möglichkeit besteht, Ideen in Produkte umzusetzen.
Meine Erfahrungen in der universitären Forschung waren geprägt von großer Freiheit im Denken und Ausprobieren, einer befreienden Internationalität und einem starken Zusammenhalt unter Forscher*innen. Aber leider auch von unsicheren Beschäftigungsverhältnissen (sowohl für mich selbst, mit zunehmender Karriere aber auch für die eigenen Mitarbeiter*innen), schwierigen Infrastruktur-Gegebenheiten und viel Bürokratie.

Bei ENGEL habe ich die Verbindung zur universitären Forschung nicht verloren. Ich arbeite unter anderem sehr eng mit Kolleg*innen am Institut für Polymer-Spritzgießtechnik und Prozessautomatisierung (IPIM) an der Linzer Johannes-Kepler-Universität zusammen. Wir können uns gemeinsam die Dinge im Detail ansehen und durchdenken. Anschließend können wir mit den Möglichkeiten, die eine große Firma wie ENGEL bietet, Ideen zu Produkten zeitnah umsetzen.
Wie sehr ENGEL die Grundlagen des Spritzgießens im Fokus hat, kann man auch daran erkennen, dass ENGEL bei den österreichischen Patentanmeldungen 2019 auf Platz 3 liegt. Es freut mich sehr, dass ich bei 3 dieser ENGEL Anmeldungen Miterfinderin bin.«

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Wordrap mit Ruth Markut-Kohl

  • Womit ich als Kind am Liebsten gespielt habe:
    Mit Puppen & im Wald und auf der Wiese.
  • Dieses Studium würde ich jetzt wählen:
    Werkstoffwissenschaft
  • Mein Vorbild ist:
    Sabine Seidler, Physikerin, Rektorin der TU Wien – Fr. Seidler war meine Doktormutter. Ich habe bei ihr die Selbstverständlichkeit, jenseits der Frage ob Frau oder Mann, in einem innovativen, technischen Umfeld zu arbeiten erlebt.
  • Was ich gerne erfinden würde:
    Eine sinnvolle Methode, Kunststoffabfälle zu recyclieren. Darüber hinaus Wege um Kunststoffabfälle aus der Umwelt einerseits zu entfernen und andererseitszu verhindern, dass sie zukünftig gar nicht erst dorthin gelangen. Zum letzten Punkt versuche ich durch meine Arbeit beizutragen.
  • Wenn der Frauenanteil in der Technik 50 Prozent beträgt …
    … würden andere Produkte – mit einem anderen Zweck und in anderer Ausgestaltung – zur Marktreife entwickelt. Ich glaube, dass auch im technischen Bereich diverse Teams, also z.B. heterogene, interdisziplinäre Teams aus Frauen und Männern, besser funktionieren. Möglichst vielseitige Blickwinkel und Denkweisen im Team führen zu besseren Produkten, da auch die vielseitigen Erwartungen der Kund*innen besser abgedeckt sind (und leichter übertroffen werden können!).
  • Wenn der Frauenanteil in Führungspositionen 50 Prozent beträgt …
    … wäre notwendiger Weise auch die Care-Arbeit anders verteilt.
  • Was verbinden Sie mit Innovation:
    Die Kombination von Kreativität, technischem Wissen und der Möglichkeit potentielle KundInnen mit einem Produkt zu erreichen.
  • Warum ist Forschungsförderung in Österreich wichtig:
    Weil technisches Wissen, das Innovationen ermöglicht nicht rein aus vorhandenem Wissen bestehen kann: Wenn innovative Produkte in Österreich entwickelt und hergestellt werden sollen, dann braucht es Grundlagenforschung, Menschen, die diese Forschung betreiben können, und die Vernetzung zur Industrie – dafür braucht es Forschungsförderung.
  • Meine Leseempfehlung lautet:
    Beruflich Das Design Thinking Playbook von Michael Lewrick, privat Haben oder Sein von Erich Fromm
Frauen in Forschung und Technologie: Mit der Initiative FEMtech fördert das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) Frauen in Forschung und Technologie. Das BMK unterstützt Frauen im Bereich Forschung und Entwicklung mit dem Ziel, Chancengleichheit in der industriellen und außeruniversitären Forschung zu schaffen.