Kategorie Innovation & Technologie - 15. Januar 2021

Ausgezeichnet: RemiHub liefert klimafreundliche Stadtlogistik

Das urbane Logistik-Projekt RemiHub hat 2020 den „Innovation in Politics Award“ in der Kategorie „Lebensqualität“ gewonnen und ist somit erster österreichischer Preisträger dieses Awards. Eine internationale Jury, bestehend aus 1.058 Bürgerinnen und Bürgern aus allen europäischen Ländern, bestimmte aus 389 Erfolgsprojekten aus 22 Ländern die 90 Finalisten und kürte neun Siegerprojekte.

Das im Rahmen des Forschungs-, Technologie- und Innovationsprogramms Mobilität der Zukunft im Themenfeld Gütermobilität vom Klimaschutzministerium (BMK) geförderte Projekt setzte sich beim Innovation in Politics Awards 2020 in der Kategorie „Lebensqualität“ durch. Damit geht erstmals in seiner bislang vierjährigen Geschichte ein „Innovation in Politics Awards“ an Österreich.

© WienerLinien/Helmer

Die Prämierung fand coronobedingt digital statt und wurde via YouTube präsentiert. Eine weitere Auszeichnung konnte RemiHub vergangenen Freitag einheimsen: Der vom deutschen Handelsblatt vergebene Stadtwerke-Zukunftspreis ging als internationale Auszeichnung ebenfalls an das Projekt, welches sich gegen starke Konkurenz und drei weitere Projekte im Finale sowie insgesamt 30 Einreichungen durchsetzte. Überzeugen konnte das Projekt RemiHub – Inner-City Delivery Hubs die Jury auch hier mit seiner Idee, Flächen des Öffentlichen Verkehrs für Logistik-Aktivitäten im Sinne einer umweltschonenden Gütermobilität zugänglich zu machen.

RemiHub reagiert damit auf den rapide anwachsenden Bedarf an Paketzustellungen mit einer neuen Form der Logistik: Lieferfahrzeuge von Logistikunternehmen müssen meist weite Distanzen zurücklegen, um vom Stadtrand an ihr innerstädtisches Ziel zu gelangen. Das Projekt RemiHub nutzt gut angebundene, zentrale Flächen der Wiener Linien als Umschlagplatz, um mit klimafreundlichen Transportmitteln wie Lastenrädern oder e-Kleintransportern die Zustellung auf kurzem Weg zu übernehmen. Dadurch können das Verkehrsaufkommen, die Luftverschmutzung und die Lärmbelästigung in der Stadt stark reduziert werden.

Gerade in der Coronakrise ist das Paketaufkommen massiv gestiegen. Allein die Österreichische Post hatte 2020 um ein Drittel mehr Pakete zu verarbeiten und zu transportieren im Vergleich zu 2019 – insgesamt 165 Millionen Stück, ein neuer Rekord. Der prognostizierte Boom des E-Commerce wurde duch die Corona-Pandemie nochmal zusätzlich befeuert. Lockdowns und Corona-Maßnahmen, insbesondere in der Weihnachtszeit, verlagerten Einkäufe weiter ins Internet. Neben der Post verzeichnen auch GLS, UPS, DPD und Co. stetig steigende Volumina. DPD Austria, der größte private Paketdienst Österreichs und RemiHub-Projektpartner, verbuchte ebenfalls Rekordzahlen für 2020: Über 57 Millionen Pakete wurden bewegt, was einem Plus von zehn Prozent gegenüber 2019 entspricht.

Paketpost aus der Remise

Ein Ende dieses Booms mit gewaltigen Folgen für die Stadtlogistik ist momentan nicht abzusehen. Hinzu kommt, dass Amazon, als Nummer eins im Onlinehandel, zunehmend Pakete mittlerweile selbst mit Partnern zustellt.

Infrastruktur und öffentlicher Raum werden jedoch nach wie vor noch zu oft für den motorisierten Individualverkehr gedacht und geplant. Um die wohl weiter steigenden Paketmengen auch im Sinne einer nachhaltigen Mobilität bewältigen zu können, braucht es neue Ideen in den Zustellungs- und Logistikpfaden – ganz besonders im dichten Gewirr von Städten. Hier scheint RemiHub perfekt ins Gefüge zu passen, um die Zustellung der stetig wachsenden Zahl von Paketen möglichst umwelt- und klimafreundlich zu gestalten. Eine wichtige Rolle spielen die Wiener Linien, deren Öffi-Garagen für die innerstädtische Logistik direkt zum Einsatz kommen.

Straßenbahn-Remisen und Busgaragen stehen tagsüber großteils leer, weil die Fahrzeuge im Einsatz sind. Andere Flächen, etwa unter Hochtrassen der U-Bahn, werden überhaupt selten genutzt. Genau diese Flächen weisen aber oft zentrale Lagen auf. Sie könnten Kurier-, Express- und Paketdiensten zeitweise zur Verfügung gestellt werden, um daraus temporäre innerstädtische Logistik-Hubs zu machen.

Nach einem erfolgreichen ersten Testlauf im Herbst 2019 mit einem Cateringunternehmen in einer Straßenbahnremise wurden zwei weitere Testbetriebe mit dem Paketzusteller DPD in der Busgarage Spetterbrücke und unter der U-Bahn-Trasse bei der U2-Station Stadlau durchgeführt.

Pakete, die von Lastwägen in einen solchen Hub angeliefert werden, könnten mit Hilfe von Lastenfahrrädern oder anderen alternativen Transportmitteln zu ihren Adressaten – sowohl Privatpersonen, als auch Unternehmen – gebracht werden. „Auf diese Weise könnte man die letzte Meile kurz halten und sie mit anderen Verkehrsmitteln als einem 3,5 Tonnen schweren Transporter befahren“, so Projektleiter Roland Hackl von tbw research.

Das Prozedere läuft wie folgt: Am Morgen liefert DPD die Pakete an die Busgarage Spetterbrücke in Ottakring bzw. zur U-Bahn-Trasse bei der U2-Station Stadlau. Ein Fahrer der Firma Heavy Pedals holt mit einem Lastenrad die Pakete ab, sortiert sie effizient nach der geplanten Route in den Radcontainer und liefert sie schließlich klimaschonend an die Endkunden aus. Die Lastenräder machen keinen Lärm, stoßen kein klimaschädliches CO2 aus und brauchen im Stadtverkehr wenig Platz.

Neben den Wiener Linien konnten für das Projekt die TU Wien – Fachbereich für Verkehrssystemplanung – und Heavy Pedals gewonnen werden. Kooperationspartner für den Testbetrieb sind DPD und die FMS Frischelogistik sowie das – ebenfalls im Rahmen des BMK-Programms Mobilität der Zukunft geförderte – Innovationslabor thinkport VIENNA. Insgesamt ist das Projekt auf eine Laufzeit von drei Jahren angelegt und läuft noch bis August 2021.

Um die Verbreitung von Lastenrädern und somit auch den klimafreundlichen Lastentransport in der Stadt zu forcieren, fördert auch das Klimaschutzministerium (BMK) den Kauf von Lastenfahrrädern. Für die Anschaffung von Elektro-Fahrrädern, Elektro-Transporträdern und Transporträdern werden Förderungseinreichungen im Rahmen der neuen Aktion 2021 via umweltfoerderung.at voraussichtlich mit Februar 2021 möglich sein.

Hintergrund: Der Innovation in Politics Award ist ein europaweiter Preis, der vom Innovation in Politics Institut nun schon das vierte Mal vergeben wird. Deren Mission ist es, politische Projekte in ganz Europa auszuzeichnen und zu unterstützen, die den Mut haben, Neuland zu betreten, kreativ sind und dabei Ergebnisse erzielen, unabhängig von Parteizugehörigkeit und politischer Ebene. Die Innovation in Politics Awards werden in neun Kategorien verliehen: Lebensqualität, Wirtschaft, Ökologie, Bildung Demokratie, Digitalisierung, Menschenrechte, Gemeinwesen und Corona Krise. 2020 haben 1058 Juroren aus 47 Ländern 398 Projekte als herausragende Projekte für politische Innovation in Europa ausgewählt.