Kategorie Innovation & Technologie - 19. Januar 2022

Weltraumtechnik als Booster für eine grünere Zukunft

Eine Mission zum Mars, neue Astronauten sowie Junfernflüge von Vega-C, Ariane-6 und Artemis I: Der Generaldirektor der europäischen Weltraumorganisation ESA, Josef Aschbacher hat auf der traditionellen Jahrespressekonferenz skizziert, vor welchen Herausforderungen der Weltraumsektor aus europäischer Sicht heuer steht. Im Mittelpunkt außerdem: Das grüne Potential der Raumfahrt.

Das All scheint groß und grenzenlos, dabei wird es jetzt schon richtig eng rund um die Erde. Angesichts vieler privater Weltraum-Aktivitäten schwirren immer mehr Objekte im nahen Erd-Orbit, immer wieder müssen waghalsige Ausweichmanöver geflogen werden. Zuletzt war etwa die chinesische Raumstation Tiangong betroffen, die eilig den Kurs ändern musste, aber auch beim mehrmals verzögerten Start des James-Webb-Weltraumteleskops bedurfte es einiger Vorsicht, um den Satellitenflotten nicht zu nahe zu kommen. Aufräumen ist also angesagt und in dieser Sache will die ESA künftig selbst mit guten Beispiel vorangehen: So soll mit jedem neuen europäischen Satelliten ein alter stillgelegt und aus dem All entfernt werden.

„Wir sollten den Weltraum nachhaltig nutzen. Wir hängen alle täglich von Satelliten ab – etwa bei Navigationsgeräten, bei der Wettervorhersage oder bei Informationen zur Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Katastrophenschutz und zur Klimaforschung im weiteren Sinne“, so ESA-Direktor Josef Aschbacher zur Nachhaltigkeit im All. „Der Weltraum hat nur limitierte Ressourcen.“

Ein durchaus bekanntes irdisches Problem, denn begrenzte Ressourcen, dazu ein vom Menschen gemachter Klimawandel sind drängende Fragen, die es auf unserem Planeten zu lösen gilt. Nachhaltigkeitsziele sowohl im Weltraum als auch auf der Erde zu verknüpfen ist daher nur ein logischer Schritt. Österreich hat sich mit seiner neuen Weltraumstrategie in dieser Thematik nun positioniert und möchte im kommenden Jahrzehnt zum Vorreiter in der Nutzung des Weltraums für umfassende Nachhaltigkeit, insbesondere im Klima- und Umweltschutz werden – und zwar im internationalen Maßstab.

»Der Weltraum bietet ein riesiges ungenutztes Potenzial, um den Kampf für eine grüne Zukunft zu intensivieren und den globalen Klimawandel zu bekämpfen.« Josef Aschbacher, ESA-Direktor

Weltraumtechnologie gehört für Österreich zu den Schlüsseltechnologien, die nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes leisten, sondern im intensiven Austausch zwischen dem Weltraum- und dem Nicht-Weltraumsektor auch Beiträge zur Konsensbildung über Nachhaltigkeit im Weltraum und in der Weltraumwirtschaft beitragen. Teil dieser Profilbildung Österreichs im Weltraumsektor sollen etwa Satelliten mit Technologie „Made in Austria“ sein. Umfassende Daten aus dem All sollen helfen, Wirtschaft und Gesellschaft in eine nachhaltigere Zukunft zu leiten. Bis 2030 soll Österreich nach diesen Vorstellungen seinen Standortvorteil als neutraler Hub der internationalen Weltraumpolitik deutlich gestärkt haben und damit zum Treffpunkt des europäischen und internationalen Austausches werden.

„Gerade vor dem Hintergrund der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow wollen wir auf dem diesjährigen World Space Forum, das im September in Wien stattfindet, diese Arbeit fortführen, indem wir Weltraumanwendungen mit der Klimakrise verknüpfen“, so Henriette Spyra, die seit dem Herbst des vergangenen Jahres die Sektion „Innovation und Technologie“ im BMK leitet. „Damit die grüne Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft und der Kampf gegen den Klimawandel erfolgreich sein können, sind wir auch auf den Weltraumsektor angewiesen, besonders in der Nutzung von Weltraumdaten“, so Spyra weiter. „Wir sind gerade dabei, die Klima- und Umweltagenda fest in der Konferenz zu verankern.“

»Die digitale Transformation ist ein zentrales Thema für die Innovationssektion. Ohne die digitale Transformation wird es auch keine grüne Transformation geben. Wir sprechen da gern von Tech4Green und unterstützen mit neuen Programmen wie AI for Green oder auch speziellen Schwerpunkten in unserem Weltraumforschungsprogramm.« Henriette Spyra, BMK

Pläne der ESA, ihre weltweit führenden Erdbeobachtungssysteme weiter ausbauen, korrespondieren mit der österreichischen Strategie, die sechs konkrete Ziele formuliert: Nachhaltige Entwicklung auf der Erde und im Weltall, ein wettbewerbsfähiger Weltraumsektor mit hoher Wertschöpfung und nachhaltigen Arbeitsplätzen in Österreich, die Erreichung von wissenschaftlicher Exzellenz in der Erforschung des Weltalls und der Erde, die Nutzung von Weltraumdaten für hochwertige Dienstleistungen, der Ausbau des Angebots an weltraumrelevanter Aus-und Weiterbildung und schließlich ein Weltraumdialog mit der Bevölkerung.

Die von Österreich vorgeschlagene Initiative Space4Climate Action soll diese Entwicklung unterstützen. „Mit dieser Initiative wollen wir die Zusammenarbeit zwischen allen Stakeholdern stärken und die Vernetzung vorantreiben, um die Nutzung von Weltraumressourcen für den Klimaschutz zu fördern“, so Spyra.

Die Erdbeobachtungsprogramme des ESA sind nach wie vor für die Erkennung und Überwachung des Klimawandels von entscheidender Bedeutung und unterstützen sowohl Minderungs- als auch Anpassungsmaßnahmen. In den riesigen Datenmengen, die uns die Satelliten liefern, liegt weiterhin reichlich Potential, um durch noch präzisere Modelle ein immer besseres Verständnis der Klima-Veränderungen zu bekommen und damit bessere Vorhersagen und darauf angepasste Strategien zu ermöglichen. Potential liefert das All aber auch für nachhaltige und kommerzielle Lösungen für eine dekarbonisierte, grüne Wirtschaft. Ein anschauliches Beispiel dafür wären satellitengestützte und intelligente Verkehrsmanagementlösungen für Flugzeuge, Schiffe, Lastwagen und Autos, die helfen Energie zu sparen und CO2-Emissionen zu reduzieren.

So können Weltraum-Technologien bei der Bewältigung aktueller Krisen, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, einen entscheidenden Unterschied machen. Satelliten überwachen kontinuierlich und flächendeckend die Erde und helfen Wissenschaftler:innen dabei, den Klimawandel und alle damit verbundenen Folgen zu überwachen, zu verstehen, zu modellieren und darauf zu reagieren. Inzwischen werden Erdbeobachtungsdaten mit In-situ-Umweltmessungen und KI-Anwendungen kombiniert, um einen digitalen Zwilling der Erde zu konstruieren. Eine digitale Nachbildung unseres Planeten, die eine Darstellung der früheren, aktuellen und zukünftigen Veränderungen der Welt visualisieren kann – in einer noch nie erreichten Genauigkeit.

Partielle Sonnenfinsternis & Wettlauf zum Mond: Das Astronomie- & Weltraumjahr 2022