Kategorie Mobilität - 20. Januar 2020

Premiere des ÖBB-Nachtzugs nach Brüssel

Plangemäß um 20.38 Uhr ist Sonntagabend der erste ÖBB-Nachtzug von Wien nach Brüssel vom Wiener Hauptbahnhof abgefahren. Der Zug mit der Nummer NJ 50490 ist nun nach knapp 14 Stunden Fahrt Montagvormittag pünktlich in Brüssel-Nord angekommen.

Die neue Nachtzugverbindung bietet zweimal wöchentlich ein umweltfreundliches Mobilitätsangebot in die EU-Metropole. Laut Angaben der Bahn ist die Fahrt mit dem Nachtzug wesentlich klimafreundlicher als ein Flug zur selben Destination: Während Flugpassagiere auf der Strecke von Wien nach Brüssel je 410 kg CO2 verursachen, seien es bei Nightjet-Fahrgästen nur je 40 kg CO2 pro Kopf. In Kooperation mit der Umweltorganisation Greenpeace ist ein CO2-Counter aktiv, der anzeigt, wie viel CO2 durch ÖBB-Fahrgäste vermieden werden. Bis Jahresende werden es etwa 2,3 Millionen Tonnen sein.

An Bord waren neben zahlreichen österreichischen Europaabgeordneten auch ÖBB-Chef Andreas Matthä. „Ich freue mich sehr, bei der Premiere an Bord zu sein“, sagte Martin Selmayr, Vertreter der Europäischen Kommission in Österreich bei der Abfahrt in Wien. „Ein Viertel der Treibhausgasemissionen in der EU entfällt auf den Verkehrssektor. Im Zuge des Grünen Deals, den die Europäische Kommission im Dezember vorgestellt hat, soll Europa bis 2050 klimaneutral werden. Um das zu bewerkstelligen, müssen wir die verkehrsbedingten Emissionen um 90 Prozent senken. Dafür brauchen wir dringend Initiativen wie diese.“

Neben Abgeordneten sollen auch Lobbyisten, sonstige Geschäftsreisende und Touristen mit dem Nachtzug ohne Umsteigen nach Brüssel fahren, hofft die Bundesbahn. Dabei kann man – je nach Geldbörse – zwischen einer Nacht im Schlafwagen, Liegewagen oder im Sitzwagen wählen. Das günstigste Sparschiene-Ticket kostet 59,90 Euro, die Fahrt im Single-Deluxe-Abteil mit Dusche, WC und Frühstück 249 Euro.

Erfolgsgeschichte Nightjet

Die ÖBB haben mit ihren Nachtzügen ein bemerkenswertes Kapitel aufgeschlagen. Eine völlige Umkehrung des absurden Trends der meisten europäischen Bahnbetreiber, Nachtzüge aus dem Verkehr zu ziehen, begegnen die ÖBB mit der Übernahme und der Einführung mehrerer neuer Nachtzugverbindungen.

© unsplash/simon tartarotti

Die ÖBB haben vor drei Jahren das Nachtzuggeschäft der Deutschen Bahn teilweise übernommen und bauen ihr Netz weiter aus. Neben den bestehenden Zielen wie Berlin, Hamburg, Zürich, Rom, Venedig und nun Brüssel werden auch Verbindungen nach Skandinavien oder Spanien überlegt.

Herausforderung einheitlicher Bahn-Betrieb in Europa

Nichtsdestotrotz steht der paneuropäische Zugverkehr weiterhin vor großen Herausforderungen – nicht nur im Nachtzugsektor. Dabei geht es nicht unbedingt darum, den Bahnsektor zu modernisieren, sondern vielmehr um eine Interoperabilität über Landesgrenzen hinaus, um das unbestrittenene Potential des Bahnverkehrs möglichst durchgängig und mit einer gewissen Sicherheit zwischen verschiedenen Schienennetzen zu ermöglichen. Da sind weiterhin viele Hürden abzubauen, die auch auf der Strecke Wien-Brüssel offensichtlich werden.

Insbesondere zwischen den Eisenbahnnetzen verschiedener Staaten ist ein einheitlicher Betrieb oft schwerlich auf die Beine zu Stellen. Jede Lok muss für jedes zu befahrene Land eine Zulassung haben, es gibt nicht harmonisierten Normen für Wagenmaterial und Triebfahrzeugführer. Aber auch nationale Hürden wie die hohe Befreiung von Bahnstrom zählen dazu. Bei den Lokführerinnen und Lokführen geht es zudem nicht nur um Streckenkenntnisse, sondern auch um die jeweilige Sprache. Es gibt anders als im Flugverkehr auch dahingehend keine einheitlichen Standards.

Einen integrierten europäischen Bahnsektor aufzubauen, dessen Grundlage die Kompatibilität zwischen nationalen Systemen sowie hohe Leistungsfähigkeit und Sicherheit bilden, muss also eines der vorangigen Ziele von nationalen als auch europaweiten Programmen zum Ausbau der Bahn sein.

Die ÖBB unterstreichen unterdessen ihre Ausbaupläne für den Nachtzugverkehr mit dreizehn neu in Auftrag gegebenen Nightjets. Die Produktion der hochmodernen Züge läuft beim Hersteller Siemens in Wien-Simmering gerade an, ab 2022 sollen sie zunächst im Italien-Verkehr und später in ganz Europa zum Einsatz kommen.

Keine kleine Investitition zur großen Nachtzug-Renaissance, dennoch soll das Geschäft damit profitabel ausfallen. Allein als Marketinginstrument sind sie derzeit über den Kontinent hinaus herzeigbar, böten besseren Komfort und zeitgemässes Design, hinzu kämen sehr viel mehr lukrative Schlafwagenplätze in den Verkauf als bisher, womit auch die Wirtschaftlichkeit erhöht werden wird.

Der Artikel wurde aktualisiert.

INFObox: Österreich ist Bahnland Nummer 1 in der EU. Nicht zuletzt durch den ÖBB-Rahmenplan, der bis 2023 Investitionsmittel des Infrastrukturministeriums in Höhe von 12,9 Mrd vorsieht. Durch die Modernisierung von Bahnhöfen, die Errichtung von Park&Ride-Anlagen sowie die Verbesserungen beim Handy- und WLAN-Empfang wird die Qualität des Bahnangebots weiter verbessert. Nicht zuletzt mit der Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energie ist die Bahn auch weiterhin ein wichtiger Faktor beim Klimaschutz.
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