Kategorie Innovation & Technologie - 15. April 2020

Per Alpenkonvention zu nachhaltigem Bauen & alpinem Interrail

Schmelzende Gletscher, schwindende Schneesicherheit, die Verschiebung der Klimazonen sind nur ein paar Beispiele für die Auswirkungen des Klimawandels auf die Alpen. Mit den entsprechenden ökologischen und auch ökonomischen Folgen sind selbst monumentale Hochgebirge und die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Gegenden nicht vor der Klimakrise gefeit. Auch in diesem Bereich hat sich das BMK dem Naturschutz verpflichtet und fördert die Einrichtung neuer Nationalparks und Wildnisgebiete.

© BMLRT/Alexander Haiden

Der Schutz und die nachhaltige Nutzung alpiner Freiräume sowie der Ausbau von Naturwaldreservaten bedeutet dabei auch den Schutz der Biodiversität in Österreich, die auch in Form eines Biodiversitätsfonds bewahrt werden soll. Zudem soll auch diese Region bis 2050 klimaneutral und klimaresilient werden.

Die Alpenkonvention spielt dabei eine gewichtige Rolle. Sie ist ein Instrument zum Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung des Alpenraumes. In den neunziger Jahren trat sie als eine Art Pionier auf den Plan, indem sie als weltweit erstes internationales Abkommen eine transnationale Bergregion in ihrer geographischen Einheit betrachtete. Unterzeichnet wurde die Konvention von den acht Alpenländern Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich, Schweiz, Liechtenstein, Slowenien und Monaco sowie der Europäischen Union. Seit 1995 ist die Rahmenkonvention in Kraft, 2002 sind ihre acht Protokolle – von Raumplanung bis Verkehr – in Österreich in Kraft getreten. Deren Implementierung sichert den Schutz und eine nachhaltige Entwicklung der Alpen.

In einem 1.200 Kilometer langen und zwischen 150 und 250 Kilometer breiten Bogen vom Ligurischen Meer bis zum Pannonischen Becken im Herzen Europas erstrecken sich die Alpen. Sie sind Natur-, Kultur, Lebens- und Wirtschaftsraum zugleich – für nicht weniger als 14 Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern. Hinzu kommen eine vielfache Anzahl an Touristinnen und Touristen, die jedes Jahr dort ihren Urlaub verbringen.

Bis zum April des vergangenen Jahres hatte Österreich den Vorsitz der Alpenkonvention inne. Von Oktober 2016 bis April 2019 standen die Arbeiten ganz im Zeichen des Mottos “Schützen und Nützen”. Die Schwerpunktthemen drehten sich um Boden und Klima.

Ein großer Erfolg dieser Präsidentschaft war dabei der Beschluss des Alpinen Klimazielsystems 2050. Dieses Zielsystem, welches vom Alpinen Klimabeirat ausgearbeitet wurde, beinhaltet für zwölf Sektoren Vorgaben, die es zu erreichen gilt, damit die Alpen im Jahr 2050 klimaneutral und klimaresilient sind. Mit dem Zielsystem wurde auch der 7. Alpenzustandsbericht zum Thema Naturgefahren Risiko Governance vorgelegt. Die Innsbruck Deklaration zu klimaneutralen und klimaresilienten Alpen diente als gemeinsames Dach für beide Produkte. Sie wurde von allen Vertragsstaaten einstimmig angenommen.

Die Alpenkonvention hat sich während der Präsidentschaft zudem intensiv mit der Umsetzung der Ziele zur flächensparenden Bodennutzung, die im Raumplanungs- und Bodenschutzprotokoll festgeschrieben sind, beschäftigt. In diesem alpenweiten Leitfaden beschreiben die Alpenstaaten, wie weit sie mit der nationalen Umsetzung der Protokollelemente zum Bodenschutz sind. Aber vor allem wurden Empfehlungen festgehalten, wie in Zukunft mit dem Thema „Flächensparende Bodennutzung“ umzugehen ist. Laut neuer Statistiken des Umweltbundesamts ist der Bodenverbrauch in Österreich zuletzt wieder gestiegen – und zwar fast um ein Viertel, nachdem er seit 2013 kontinuierlich gesunken war.

Per Interrail durch die Alpen

Zum zweiten Mal wurde im Rahmen der Alpenkonvention von Österreich auch das Projekt YOALIN – Youth Alpine Interrail – unterstützt: 100 junge Menschen aus den Alpenstaaten (von Monaco bis Slowenien) reisten 2018 und 2019 einen Monat lang mit einem vergünstigten Ticket für öffentliche Verkehrsmittel durch den Alpenraum und wurden damit zu Botschafterinnen und Botschaftern für nachhaltiges Reisen in den Alpen und für die Alpenkonvention generell.

Here are some of the photos of the #YOALIN #photocontest. A #prize will be awarded to the winners at the closing…

Gepostet von Youth Alpine Interrail am Mittwoch, 25. September 2019

Den Vorsitz der Konvention hat nun Frankreich inne, das die Präsidentschaft der Alpenkonvention von Österreich vor einem Jahr übernommen hat. Die Themenwahl ist erneut anspruchsvoll und das Programm des französischen Vorsitzes ambitioniert. So soll etwa der 8. Alpenzustandsbericht zum Thema Luftqualität in jener Zeit ausgearbeitet werden. Darüber hinaus legt Frankreich seine Schwerpunkte auf Biodiversität und Wasser und strebt eine verstärkte Einbeziehung der Bevölkerung zur Erstellung und Umsetzung jener Programmpunkte an.

Zum Hintergrund des Projektes YOALIN: Youth Alpine Interrail bedeutet Reisefreiheit für junge Menschen im Alpenraum und ermöglicht 100 Jugendlichen mit einem günstigen Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel ein Monat lang durch den gesamten Alpenraum zu reisen. Sie werden dadurch zu Botschafterinnen und Botschaftern für nachhaltiges Reisen in den Alpen und damit für die Alpenkonvention. Im September beendete CIPRA International das Projekt Youth Alpine Interrail mit einer Abschlusskonferenz in Bern. Österreich unterstützte das Projekt bereits zum zweiten Mal. 2020 wird es aufgrund derzeitiger Situation leider ausgesetzt.

Architekturwettbewerb Constructive Alps

Zum fünften Mal führen die Alpenländer 2020 den internationalen Architekturwettbewerb Constructive Alps durch. An ihrer ersten Sitzung hat die international besetzte Jury aus über 300 Einreichungen 28 Projekte nominiert, die klimabewusstes Sanieren und Bauen in den Alpen beispielhaft umsetzen. Sieben der Projekte stehen in Österreich.

Die Bandbreite der Projekte reicht von einem Neubau, der anstelle eines abgebrannten Bauernhauses errichtet wurde, über zeitgenössische Gewerbebauten, öffentliche Gebäude, wie einen Kindergarten, Büros und Gasthäuser bis hin zu einer renovierten Kapelle. Gemein ist ihnen, dass sie dazu beitragen, klimapolitische Ziele umzusetzen und damit ein Anliegen vorantreiben, das den in der Alpenkonvention verbundenen Staaten besonders am Herzen liegt.

Cabane Rambert von © Bonnard Wœffray

Leonore Gewessler, Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie freut sich, dass die nominierten Projekte zum Klimaschutz aber auch zu Investitionen und zur regionalen Wertschöpfung beitragen und dadurch wichtige Impulse für die Zukunft geben: „Klimabewusstes Bauen und Sanieren sind ein möglicher Teil eines ‚Konjunkturpaket Klimaschutz‘ und ein potenzieller Wegweiser aus der gegenwärtigen Corona-Krise. Wir können damit unsere Wirtschaft in doppeltem Sinne nachhaltig stärken, Arbeit schaffen und sichern und uns so zu Vorreitern in Europa machen.“

Die achtköpfige Jury hat in vier Videokonferenzen innerhalb von drei Tagen aus 328 Bauten 28 Gebäude in die engere Auswahl aufgenommen – zwölf Sanierungen und Ersatzneubauten sowie 16 neue Gebäude. Zufrieden äußert sich Jurypräsident Köbi Gantenbein: „Die Jury hat große Freude an den 28 Perlen der Architektur, die ökonomische und soziale Zuversicht für den ländlichen Raum in den Alpen in eigensinnige und klimavernünftige Architektur übersetzen.“

Ein Viertel der Projekte aus Österreich

Sieben Projekte aus Österreich haben es in die engere Auswahl geschafft: die Bergkapelle bei Kendlbruck im Salzburger Lungau, das „Haus mitanand“ in Bezau, das Oekonomiegebäude Josef Weiss in Dornbirn, das Loftbüro PCT in Thalgau, die Metzler „naturhautnah“ Kosmetikproduktion in Egg, der Büroneubau – DIN Sicherheitstechnik in Schlins sowie die Montagehalle Kaufmann Zimmerei und Tischlerei in Reuthe.

Österreichische Beiträge stachen in der Vergangenheit des „Constructive Alps“ Projektes, das heuer in der fünften Auflage stattfindet, sehr positiv heraus. 2013, 2015 und 2017 gingen aus zahlreichen eingereichten Projekten die österreichischen Beiträge als schönste und klimafreundlichste Objekte aus dem gesamten Alpenraum hervor: Das Agrarbildungszentrum Salzkammergut (2013), das Pfarrhaus Krumbach (2015) sowie Volksschule & Kindergarten in Brand (2017).

Die Jury wird alle ausgewählten 28 Gebäude zwischen Slowenien und Frankreich vor Ort besichtigen und mit den Bauherrschaften, Architekturbüros und Nutzerinnen und Nutzern Gespräche führen. Relevant für das endgültige Juryurteil ist nicht nur die Klimafreundlichkeit der Bauten, gemessen in Energiekennzahlen und grauer Energie für den Bau, sondern auch deren Beitrag für ein zukunftsgerichtetes Leben und Wirtschaften in den Alpen. Am 6. November 2020 werden im Alpinen Museum Bern (CH) das Preisgeld von 50.000 Euro an drei Prämierte verliehen sowie der Katalog und die Ausstellung eingeweiht. Letztere wird anschließend wie gewohnt als Wanderausstellung zum nachhaltigen Bauen in den Alpen von Ljubljana bis Nizza unterwegs sein.

Geschichte der Alpenkonvention: Die UmweltministerInnen der Alpenstaaten beschlossen bei ihrer ersten Konferenz von 9. bis 11. Oktober 1989 ein Abkommen zum Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung der Alpen auszuarbeiten. Das Übereinkommen zum Schutz der Alpen, „Die Alpenkonvention“, wurde am 7. November 1991 in Salzburg von Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien, Liechtenstein und der Schweiz sowie von der Europäischen Union unterzeichnet. Slowenien unterzeichnete die Konvention am 29. März 1993 und das Fürstentum Monaco trat dem Übereinkommen auf Grund eines Ad-hoc-Protokolls bei. Die Konvention trat am 6. März 1995 in Kraft und diente beispielsweise als Vorbild für die inzwischen gegründete Karpatenkonvention. Heute blicken verschiedene andere Gebiete (Kaukasus, Zentralasien, Anden) mit Interesse auf die Alpenkonvention und ihre Erfahrungen.