9. November 2020

Bergbauten: Die Sieger der Constructive Alps Awards

Der Architekturwettbewerb Construtivce Alps zeigte einmal mehr, wie sehr ArchitektInnen sich um die natürlichen Ressourcen und den Bautraditionen des Alpenraums verdient machen und wie Architektur Ästhetik und Klimavernunft zusammenbringen kann. 

1.200 Kilometer und bis zu 250 Kilometer breit zieht sich der Bogen der majestätischen Alpen vom Ligurischen Meer bis zum Pannonischen Becken im Herzen Europas. Sie sind Natur-, Kultur, Lebens- und Wirtschaftsraum zugleich – für nicht weniger als 14 Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern, hinzu kommen Unmengen an Besuchenden aus In- und Ausland, die in den Bergen und Tälern erholsamen Rückzug suchen oder im Winter Teil eines gigantischen Skizirkus werden. Berge sind inzwischen alles andere als abgelegen und einsam – und unverhältnis mäßig hoch von den Folgendes Klimawandels betroffen.

© BMLRT/Alexander Haiden

Die Auswirkungen sind in den Alpen unverkennbar: Das immer schneller voranschreitende Abschmelzen der Gletscher, die Zunahme von Muren und Bergstürzen, im Winter das Ausbleiben von Schneefällen und Frosttagen, die sogenannte Schneesicherheit längst in Frage gestellt. Mit den entsprechenden ökologischen und ökonomischen Folgen sind selbst monumentale Hochgebirge und die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Gegenden nicht vor der Klimakrise gefeit.

Dauerhaft und intelligent

Es ist dieses Spannungsfeld, in dem vor etwas mehr als zehn Jahren die Notwendigkeit für den Constructive Alps Award konstatiert wurde, der am Abend des vergangenen Freitag, zum fünften Mal verliehen wurde. 2009 hatten die Staaten der Alpenkonvention – Slowenien, Österreich, Deutschland, Liechtenstein, Schweiz, Italien, Monaco und Frankreich – beschlossen, die Alpen zu einer Modellregion des Klimaschutzes zu entwickeln. Der mit 50.000 Euro dotierte „Internationale Preis für nachhaltiges Sanieren und Bauen in den Alpen“ versteht sich als Beitrag zu diesem Klimaplan. Er zeichnet das Dauerhafte und Intelligente aus – was nicht bedeutet, dass es nicht auch um Schönheit gehen darf. Wie lässt sich im fragilen Geflecht der Alpen also heutzutage noch Dauerhaftigkeit erbauen?

Aus den Alpen, in den Alpen, für die Alpen: mit dem Constructive Alps Award ausgezeichnete Bauten, die sich regionaler Materialien und Techniken bedienen. So auch das Landwirtschaftliches Zentrum St. Gallen, das den 1. Preis erhielt. © Seraina Wirz

Konstruktive Alpen: Das ist an sich schon fast ein Pleonasmus. Denn alpine Bautraditionen entstanden aus konstruktiven Anforderungen heraus. Häuser und Stadel mussten Schnee, Eis, Feuchtigkeit, Wind, Kälte und Hitze widerstehen, es musste darin und rundherum gewohnt und vor allem gearbeitet werden. Trockene Tiere, trockene Menschen, trockenes Heu. War etwas schadhaft, wurde es sorgfältig instandgesetzt.

Hochamt des Holzbaus und ein 2. Platz für Österreich. Die Montagehalle für die Tischlerei und Zimmerei Kaufmann in Reuthe. © Adolf Bereuter

Kein Zufall also, dass das Sanieren eine zentrale Kategorie des Preises ist. „Würde, was in den Alpen an Gebäuden steht, so repariert, wie es das breite und bunte Panorama der Sanierungsprojekte zeigt, wäre das halbe Fuder Heu schon im Schober“, schrieb der Schweizer Publizist Köbi Gantenbein, Miterfinder und Juryvorsitzender des Preises, anlässlich der Verleihung 2015. „Klimaschützendes Leben ist machbar, es ist schön, es ist lebensfroh, und es ist auch zahlbar.“

Das Ortstockhaus von Hans Leuzinger in Braunwald/CHaus dem Jahr 1931 ist eine Ikone der Moderne in den Alpen und erzielte den 3. Platz im Wettbewerb. Nach mehr als achtzig Jahren war ihre Schönheit verblasst. Die Renovation verknüpft das Denkmal mit den Sitten und Bräuchen von heute. Die akribische Renovation ist beispielhaft fürs Renovieren weit über das Denkmal hinaus. Entstanden ist ein Haus, dessen Innenräume fürs Essen, Trinken und Übernachten grossen Charme haben. © Hannes Henz

Für die Jury dürfte die Auswahl der Preisträger ein Luxusproblem darstellen, denn der alpinen Baukultur geht es so gut wie lange nicht, die Qualität ist in nahezu allen Regionen stetig angestiegen, nicht nur im Musterland Vorarlberg mit seiner stets weiter perfektionierten Handwerkskultur. Auch die Bauaufgaben haben sich in Richtung Konstruktion und Reparatur diversifiziert: die Wiederbelebung ausgestorbener Dorfkerne, die Restaurierung von Stadeln in präziser Kleinarbeit, Orte für sanften Tourismus – und immer wieder: Stätten der Produktion.

»Die Montagehalle für die Tischlerei und Zimmerei Kaufmann ist ein Hochamt des Holzes. Erfindungsreich sind die Kranbahn für die Fabrikation der Raummodule und das Fachwerk miteinander verbunden. Das ermöglicht, die Halle tief zu halten und sie wie ein Möbel ins Hügelland zu stellen. Bis an die Grenze sind die Hochlast-Fachwerke aus Buchenholz dimensioniert. Das ermöglicht kleine Querschnitte, sodass die Fabrik innen wirkt, als wäre sie eine Stube, wo die Arbeiter, die Computer und die Maschinen fräsen, nageln und fügen. Hier soll gute Arbeit gesichert werden dank europaweit konkurrenzfähigen Produzierens. Und das schöne Gewerbehaus macht dafür Reklame.« Aus dem Juryentscheid zur Montagehalle Kaufmann in Reuthe, die den 2. Platz im Wettbewerb erreichte.

Stadel, Scheune, Hochhaus

Auch die 328 Einreichungen des Jahrgangs 2020 decken die ganze Bandbreite ab, 28 von ihnen schafften es auf die Shortlist. Ein Kindergarten in Südtirol und eine Kulturhalle in Frankreich als neue Bausteine der Dorfkerne. Ein Stadel in Hohenems, eine Scheune in Slowenien, ein Bauernhaus in Bayern wurden – in einer Zeit, da solche Bauten immer noch oft gedankenlos abgeräumt werden – mit Detailkenntnis restauriert, im Tessiner Ort Mosogno Sotto platzierten Buchner Bründler Architekten in einem ruinös-archaischen Landhaus wenige punktuelle Eingriffe, eine wuchtige Arte Povera von felsiger Härte.

Die Bergkapelle Kendlbruck im Lungau erhielt eine Anerkennung der Jury. „Ach, wie ist die poetische Umsetzung dieser kleinen Bauaufgabe doch gut geraten. Eine Familie wollte eine Kapelle wiederaufbauen, die einer Strasse weichen musste. Und was zu tun ist, selber tun mit eigenem Holz und Können. Wände, Boden, Steildach sind traditionell verstrickt mit Balken von zwölf mal zwölf Zentimetern. Durch die Giebeldreiecke mit Lamellen fliesst das Licht und schafft einen zauberhaften Innenraum. Und fast CO²-neutral, denn innehalten kann man auch im Winter ohne Heizung.“ © Albrecht Schnabel

Das eine Ende des Spektrums, zumindest was die landschaftliche Lage und den Maßstab betrifft, markiert das zwölfgeschossige Wohnhaus Le Solaris in der französischen Großstadt Grenoble mit 38 Wohnungen, Schafwolledämmung und Holzfassade (Roda Architectes). Das andere die vergleichsweise winzige Kapelle Kendlbruck im Lungau, ein schlichtes, heuschoberhaftes Dreieck, errichtet in Selbstbauweise und entworfen vom Salzburger Architekturbüro Dunkelschwarz, das bereits auf Erfahrung mit Alpinem, Hölzernem und Preisgekröntem verweisen kann.

 

Elf dieser Nominierten wurden schließlich ausgezeichnet: drei Hauptpreise, sieben Anerkennungen und erstmals ein Publikumspreis. Auf dem Siegerpodest landete ein Bau, der die Alpen als produktive und technische Landschaft perfekt widerspiegelt: das Landwirtschaftliche Zentrum Salez im Kanton St. Gallen von Architekt Andy Senn. Ein ruhiges Ensemble aus Schule und Werkhof, langgestreckt im Talboden liegend. Ein Gebäude, das überzeugt, so die achtköpfige Jury, „weil es das Prinzip Low-Tech, eine möglichst einfache Bauweise für lange Lebensdauer, konsequent und intelligent durchzieht“.

Das Kongresszentrum Agordo, Italien, war der Publikumsfavorit, Aus den 28 zur zweiten Runde eingeladenen Bauten wurde der erstmalig vergebenen Publikumspreis bestimmt und auch die Jury war sehr angetan vom Bau des Kongresszentrums des Brillenherstellers Luxottica: „Hier entsteht Schönheit allein aus dem Tragwerk. Auf einer Wiese zwischen Dorf und Umfahrungsstrasse ist ein aufsehenerregender, wohlgeratener Ort entstanden. Der grosse Konzern braucht sein Zentrum an wenigen Tagen für sich selber und stellt es sonst der Allgemeinheit als Messe-, Markt- und Konzertort zur Verfügung.“ © Simone Bossi

Österreichischer Holzbau

Der zweite Preis ging an einen etablierten und wichtigen Akteur des österreichischen Holzbaus: die Zimmerei und Tischlerei Kaufmann im vorarlbergischen Reuthe, genau gesagt an die von Johannes Kaufmann geplante Montagehalle, eine Kombination aus Betonstützen und Holzfachwerk – sie „steht für höchste Holzbaukunst aus den Alpen“, so die Jury. Den dritten Preis vergab die Jury an die Sanierung eines Gasthauses des Glarner Architekten Hans Leuzinger von 1931, eine Ikone der Moderne in den Alpen auf 1772 Metern Seehöhe.

 

Auf den ersten Blick mag einigen dieser Bauten das Spektakuläre fehlen, doch wäre dieses auch nicht im Sinne der Preiserfinder. Es sind solide und durchdachte Bauten, bei denen es nicht um Fassadenkosmetik geht. Ihre Schönheit liegt in der Dauerhaftigkeit. Der Berg ist eben kein Museumsdorf, sondern eine ewige Baustelle, geprägt von elementaren Kräften und wirtschaftlichen Interessen. Das verlangt von der Architektur eine Widerstandsfähigkeit, die den Klimawandel aushält, die dessen Schäden begrenzt und die die Landschaft respektiert. Und die vermutlich auch den Wintersport in seiner jetzigen Form überleben wird.

Hintergrund

Zum fünften Mal führen die Alpenländer 2020 den internationalen Architekturwettbewerb Constructive Alps durch. An ihrer ersten Sitzung hat die international besetzte Jury aus über 300 Einreichungen 28 Projekte nominiert, die klimabewusstes Sanieren und Bauen in den Alpen beispielhaft umsetzen. Sieben der Projekte stehen in Österreich.

Die Bandbreite der Projekte reicht von einem Neubau, der anstelle eines abgebrannten Bauernhauses errichtet wurde, über zeitgenössische Gewerbebauten, öffentliche Gebäude, wie einen Kindergarten, Büros und Gasthäuser bis hin zu einer renovierten Kapelle. Gemein ist ihnen, dass sie dazu beitragen, klimapolitische Ziele umzusetzen und damit ein Anliegen vorantreiben, das den in der Alpenkonvention verbundenen Staaten besonders am Herzen liegt.

#alpineclimate2050: Gemeinsam gegen den Klimawandel in den Alpen

Leonore Gewessler, Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie freut sich, dass die nominierten Projekte zum Klimaschutz aber auch zu Investitionen und zur regionalen Wertschöpfung beitragen und dadurch wichtige Impulse für die Zukunft geben: „Klimabewusstes Bauen und Sanieren sind ein möglicher Teil eines ‚Konjunkturpaket Klimaschutz‘ und ein potenzieller Wegweiser aus der gegenwärtigen Corona-Krise. Wir können damit unsere Wirtschaft in doppeltem Sinne nachhaltig stärken, Arbeit schaffen und sichern und uns so zu Vorreitern in Europa machen.“

Ein Viertel der Projekte aus Österreich

Sieben Projekte aus Österreich haben es in die engere Auswahl geschafft: die Bergkapelle bei Kendlbruck im Salzburger Lungau, das „Haus mitanand“ in Bezau, das Oekonomiegebäude Josef Weiss in Dornbirn, das Loftbüro PCT in Thalgau, die Metzler „naturhautnah“ Kosmetikproduktion in Egg, der Büroneubau – DIN Sicherheitstechnik in Schlins sowie die Montagehalle Kaufmann Zimmerei und Tischlerei in Reuthe.

Österreichische Beiträge stachen in der Vergangenheit des „Constructive Alps“ Projektes, das heuer in der fünften Auflage stattfindet, sehr positiv heraus. 2013, 2015 und 2017 gingen aus zahlreichen eingereichten Projekten die österreichischen Beiträge als schönste und klimafreundlichste Objekte aus dem gesamten Alpenraum hervor: Das Agrarbildungszentrum Salzkammergut (2013), das Pfarrhaus Krumbach (2015) sowie Volksschule & Kindergarten in Brand (2017).

DerStandard/red

Geschichte der Alpenkonvention (Alpine Convention): Die UmweltministerInnen der Alpenstaaten beschlossen bei ihrer ersten Konferenz von 9. bis 11. Oktober 1989 ein Abkommen zum Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung der Alpen auszuarbeiten. Das Übereinkommen zum Schutz der Alpen, „Die Alpenkonvention“, wurde am 7. November 1991 in Salzburg von Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien, Liechtenstein und der Schweiz sowie von der Europäischen Union unterzeichnet. Slowenien unterzeichnete die Konvention am 29. März 1993 und das Fürstentum Monaco trat dem Übereinkommen auf Grund eines Ad-hoc-Protokolls bei. Die Konvention trat am 6. März 1995 in Kraft und diente beispielsweise als Vorbild für die inzwischen gegründete Karpatenkonvention. Heute blicken verschiedene andere Gebiete (Kaukasus, Zentralasien, Anden) mit Interesse auf die Alpenkonvention und ihre Erfahrungen.